8 Tipps für die Leinenführigkeit bei Angsthunden

8 Tipps für die Leinenführigkeit bei Angsthunden

Warum Leinenführigkeit für Angsthunde so schwierig ist und wie du es verändern kannst

Jeder Hund braucht eine gute Leinenführigkeit. Ja wirklich jeder. Wieso, weshalb und warum, das habe ich dir in diesem Artikel zusammengefasst.

Bei den sensiblen und ängstlichen Hunden ist diese für mich gleich doppelt wichtig, leider aber auch schwieriger zu trainieren. Eine gute Leinenführigkeit für Angsthunde ist also einerseits wichtig, anderseits eine Herausforderung. Ich habe daher nicht den einen Tipp für dich, aber einen ganzen Katalog an Maßnahmen, die du tun kannst.

8 Tipps für die Leinenführigkeit bei Angsthunden

Warum finde ich die Leinenführigkeit für Angsthunde doppelt wichtig?

Angst hat eine Funktion: Sie soll den Abstand zu gefährlichen Dingen vergrößern und das Überleben sichern. Auch wenn die Angst sich im Kopf abspielt, ist sie ein uralter Überlebensmechanismus, der sich bewährt hat und deinen Hund vor Gefahren schützt. Angst ist also erst einmal nichts Schlechtes. Sie aktiviert Strategien zur Flucht oder zum Verstecken. Das Problem ist, dass diese an der Leine nicht ausgeübt werden können. Wird die Leine straff, bemerkt der Hund, dass die Strategie nicht aufgeht und er eingeschränkt ist. Zur Angst gesellt sich dadurch Kontrollverlust, also Stress. Das macht die Angst unnötig groß und die Ausgangssituation für den nächsten Moment noch schlechter. 

Lernt dein Hund, an der Leine sich sicher und geborgen zu fühlen, die Leine nicht als Einschränkung, sondern als Halt zu sehen, dann ist dieser Effekt nicht da. Solange die Leine sich jedoch regelmäßig strafft, setzt die auf enge und Einschränkung angeborene Reaktion ein. Eine stramme Leine, ebenso wie „Zwangsbekuscheln“ fördert die Angst. Angenehme Interaktion macht sie kleiner. Dazu kannst du in meinem Artikel „10 Tipps, wie du deinem unsicheren Hund mehr Sicherheit geben kannst“ mehr lesen. 

Die Leine als Sicherheit und Signal für eine gute gemeinsame Interaktion ist also goldwert! 

8 Tipps für die Leinenführigkeit bei Angsthunden

Was ist denn bitte überhaupt mit „Angsthund“ gemeint?

Ehe wir näher auf die Leinenführigkeit eingehen, ein kleiner Exkurs. Wir Menschen denken in Schubladen und kleben gerne Etiketten. Ich mag diese Etiketten nicht, ob Angsthund, Tierschutzhund oder andere Bezeichnungen. Sie reduzieren den Hund auf einen Faktor und andere Facetten werden gerne übersehen. Mehr dazu kannst du in meinem Artikel „Warum du bei einem Angsthund nicht auf Gewöhnung setzen solltest“ lesen.

Der Begriff „Angsthund“ steht hier stellvertretend für alle Hunde, die sich mit ihrer Umwelt schwertun, sensibel auf Umweltreize reagieren, schnell gehemmt, gestresst und verunsichert sind. Es sind also Hunde, die mit ihrem Alltag überfordert sind. Wenn du dir nicht sicher bist, ob dein Hund auch dazu gehört, lies hier weiter „15 Anzeichen an denen du Überforderung beim Hund erkennen kannst“.

8 Tipps für die Leinenführigkeit bei Angsthunden

Was sind die Gründe für das Ziehen an der Leine?

Wie oben geschrieben, ist die Strategie Nummer 1 für einen Hund mit Ängsten, dass er versucht, die Situation zu verlassen. Das Gehirn kennt nur noch ein Ziel: WEG! Alles andere wird unwichtig und hinten angestellt. Der Überlebensmodus ist an. Die Leine ist im Weg. Doch es kommen noch ein paar Faktoren dazu. 

1. Wenn die Bezugsperson nicht sicher ist, funktioniert die Leinenführigkeit für den Angsthund nicht.

Nein, damit meine ich jetzt nicht, dass du einfach nur mehr Ruhe ausstrahlen musst. Hier geht es um etwas anderes. Je öfter dein Hund die Erfahrung macht, dass von dir in diesen Momenten Gefahr ausgeht, desto weiter will er auch von dir weg. Dabei ist es wichtig, dass du weißt, dass dein Hund nicht rational handelt, sondern sein Gehirn viel mehr Dinge als „Gefahr“ einstuft, die vielleicht gar keine sind, z.B. wenn du

schnell hinter ihm hermarschierst und ihn damit vor dir hertreibst.

versehentlich an der Leine ziehst und gegenhältst, weil du schon gewöhnt bist, dass er dir rein donnert.

ihn ermahnst, fluchst oder dich über jemand anderen ärgerst.

auf die Leine trittst, sodass er einen Ruck bekommt.

Ganz zu schweigen natürlich davon, wenn er gelernt hat, dass du ihn mit der Leine korrigierst, ruckst oder anders, z.B. mit der Wasserflasche strafst. 

Alles, was dein Hund mit dir verknüpft, was unangenehm war, begünstigt das Bedürfnis, in schwierigen Momenten lieber nicht in deiner Reichweite zu sein.

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2. Schlechtere Lernfähigkeit bei Angsthunden.

Hunde können in Stresssituationen lernen. Was sie konkret lernen und was nicht, kannst du hier nachlesen: „Der ist zu gestresst zum Lernen“. Ein Teil der Lernfähigkeit wird eingebüßt, dazu gehört nicht nur das neu lernen, sondern auch das Abrufen von Erlerntem. Selbst wenn dein Hund also normalerweise an der Leine gehen kann, kann er es in diesen Momenten einfach nicht gut abrufen, wenn das Training nicht bestimmte Sachen berücksichtigt und neben dem „Leine laufen“ nicht auch andere Faktoren enthält, die ich dir weiter unten erläutere.

3. Deinem Angsthund fehlen an der Leine Strategien.

Wenn dein Hund nur die Flucht als Strategie hat um mit dem Auslöser für seine Angst umzugehen, bleibt nichts anderes, als zu fliehen. Fehlende Strategien führen zu Stress, einem Erregungsanstieg und zu impulsiveren Reaktionen. Alle bereitgestellte Energie wird in die Flucht investiert. Und das ist eine Menge. 

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4. Ein Teufelskreis.

Ein Spruch, den du vielleicht kennst, ist „Angst zieht Kreise“. Damit meint man, das Angst sich selber vergrößert. Hunde lernen blitzschnell die Vorboten von Angstauslösern. Hat dein Hund Angst vor Autos, so lernt er schnell, dass Straßen Autos ankündigen. Vielleicht kündigt die Leine an, dass ihr an die Straße geht und ZACK löst das Anleinen schon die Angst vor der Angst aus. Wie Vorfreude – bloß umgekehrt und unangenehm. Die Momente des Stresses und der Angst werden immer mehr und immer größer, denn auch für die Leine gibt es einen Vorboten…. 

Stress und Angst sind ungesund – wie ungesund kannst du hier nachlesen.

Was kann ich tun, damit mein Angsthund Leinenführigkeit lernt?

Es gilt also genau diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Schritt für Schritt und systematisch. Denn, wenn du zu viel auf einmal änderst, entziehst du deinem Gewohnheitstier Hund vielleicht noch mehr Sicherheit! 

Werde du zum sicheren Hafen. Für mich ist das, das oberste Gebot. Mein erstes Ziel mit jedem Hund ist, dass ich der sichere Hafen werde. Wann immer für den Hund etwas Bedrohliches aufzieht, darf ich zum Ziel seiner Flucht werden. Das hilft auch bei der Leinenführigkeit bei einem Angsthund – denn er sucht mehr und mehr deine Nähe auf, vor allem in schwierigen Situationen. 

Allerdings hat diese Medaille eine Kehrseite. Mittelfristig musst du auch die sichere Basis für Erkundungstouren werden und der Hund zudem andere Strategien lernen, um mit Angst und Stress umzugehen, sonst habt ihr schnell das Problem „Trennungsstress“, von dem dir viele Menschen und Hunde ein trauriges Lied singen können. Deswegen setze ich Zuhause zum Beispiel auf die „Hunde-Oase“ – dem ultimativen Rückzugsort für deinen Hund. So ist Zuhause der sichere Hafen unabhängig von dir. 

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5. Es geht um Qualitätszeit – nicht um Strecke.

Wir Menschen meinen, dass Gassigehen Strecke machen heißt. Doch das Ziel eines Ausflugs ist doch gemeinsam gute Zeit zu verbringen und dabei die Sinne schweifen und gute Erfahrungen sammeln zu können. Es hat lange gedauert, bis ich gecheckt habe, dass ein „Spaziersteh“ an einem spannenden Ort manchmal mehr Wert ist als ein Spaziergang. 

Für unsere Minnie mit ihren vielen Ängsten und ihrem extremen Jagdverhalten, waren Ausflüge in den Wald keine Erholung, sondern Frust pur. Mehr zum Thema kannst du in Podcast Episode #58 mit der Jagdhundeexpertin Ines Scheuer-Dinger und mir hören. 

Erst als ich aus meinem Trott rauskam, dass nur Runden gute Gassizeiten waren und wir uns strukturierte Strecken oder schöne Stationen aussuchten, setzte Entspannung ein. Diese hat sich massiv auf die Leinenführigkeit ausgewirkt! Statt mich permanent umwickeln zu lassen, weil Minnie um mich herumraste, konnten wir auf einmal ganz normal gehen. 

Weniger ist mehr oder auch nach müd’ kommt blöd!

Mit meinen „12 Tipps für mehr Gelassenheit an der Leine“ liegst du nicht falsch. Gerade bei einem eher schreckhaften Hund mit schlechter Leinenführigkeit heißt zudem die Devise: Weniger ist mehr. 

Was ich damit meine? Je schneller und länger du unterwegs bist, desto mehr prasselt an Sinneseindrücken auf deinen Hund ein. Nimm dir Zeit, schlendere, mache Pausen und sorge so dafür, dass dein Hund Zeit hat die Eindrücke zu sammeln und zu verarbeiten. 

Du wirst merken, dass das die Erregung senkt und die Vorboten der Erschöpfung viel besser sichtbar werden. Du kannst die gemeinsame draußen Zeit viel besser dosieren.

Struktur und Sicherheit im Alltag.

Bringe Struktur und Verlässlichkeit in den Tag. Damit dein Hund seine Reserven auftanken und sich erholen kann. Je mehr Routinen und Strukturen deinem Hund Sicherheit schenken, desto mehr Ressourcen hast du im Training zur Leinenführigkeit zur Verfügung.

Training rund um die Angstauslöser.

Es bringt alles nichts! Auch wenn wir ausreichend Struktur, Entspannung und Sicherheit in den Alltag integriert haben, brauchen wir zusätzlich das Training rund um die Angstauslöser. Vorsichtig, fein dosiert, mit System und dem Wissen, dass wir mit unserer Struktur immer Plan B zur Entspannung haben. 

Ein gutes Training um Auslöser setzt darauf, den Auslöser mit angenehmeren Emotionen zu versehen UND zugleich neue eigenständige Verhaltensstrategien zu erlernen. Ich mache das mit den von mir betreuten Teams in „Ein echtes Team“. 

Entspannungstraining

Entspannungstraining beim Hund hat viele Facetten. Anja Landler vom Pfoten.land und ich haben dir dazu die Podcast Episode #19 „Die Magie des Entspannungstrainings“ aufgenommen. 

Das Entspannungstraining hat für den Angsthund und die Leinenführigkeit mehrere gute Dinge zu bieten:

  • Schnellere Erholung, nach und zwischen den Trainings. Einfache Maßnahmen, wenn die Leinenführigkeit akut in einer Situation nicht funktioniert, um wieder in eine bessere Ausgangslage zu kommen.
  • Sanfte Verhaltensunterbrechung, wenn dein Hund zieht oder etwas anderes Unerwünschtes aus Erregung und Angst heraus macht.
  • Sicherheit und Bindungsverhalten in angstauslösenden Situationen.
8 Tipps für die Leinenführigkeit bei Angsthunden
6. Sicheres Leinenhandling. 

Das Handling der Leine hat einen großen Einfluss auf die Leinenführigkeit – nicht nur bei einem Angsthund. Doch dieser wird sensibler auf die Auswirkungen reagieren. Je mehr du mit der Leine hantierst und je weniger flüssig das geschieht, desto herausfordernder ist die Situation für deinen Hund. 

Ich führe meine Hunde meistens mit beiden Händen, so kann ich die Leinenlänge gut und sicher regulieren und sanft nachgeben oder ausbremsen. Das Ziel ist es, dass ich möglichst wenig manipuliere, störe oder gar versehentlich rucke. Je ruhiger der Karabiner liegt, desto besser.

Höre hierzu auch gern in unsere Podcast Episode #62: „Tipps & Tricks für die Leinenführigkeit“.

7. Bestmögliche Kompromisse für die Leinenführigkeit.

Klar, am liebsten würden wir immer alles perfekt lösen. Doch meistens ist das nicht der Fall. Deswegen versuche ich mich immer wieder daran zu erinnern, dass Perfektionismus zur Blockade werden kann. Denn, wenn ich meine Herausforderung nur mit der perfekten Lösung meistere, dann fange ich vermutlich nie an. 

Dein Ziel sollte sein, möglichst viel gute Zeit für dich und deinen Hund zu erschaffen! Das darf auch schon mal zu Lasten der Leinenführigkeit gehen, wenn sonst der Frust auf beiden Seiten der Leine zu groß wird. Denn Frust ist eng verknüpft mit Angst und damit wieder Teil des Teufelskreises! 

Für mich lautet der Kompromiss, dass ich das Ziehen bis zur ersten Lösestelle ignoriere. 

8 Tipps für die Leinenführigkeit bei Angsthunden
8. Klarheit für deinen Angsthund hilft der Leinenführigkeit.

Kompromisse ja – aber klar müssen sie sein! Es hilft weder dir, noch deinem Hund, wenn du dich mal ziehen lässt und mal nicht – und wenn du nach 2 Minuten ziehen dann doch noch nachgibst. Bei mir sind die Kompromisse nur an bestimmten Stellen möglich: Kann mein Hund den Radius sonst nicht einhalten, liegt es an mir ihn so zu unterstützen, dass er es wieder kann und ich nicht einfach hinterhergehe. Es ist sonst schlichtweg unfair, woher soll er wissen, wann das Ziehen okay ist und wann nicht?

Höre auch gern in Podcast Episode #61 „Gelassen Gassi mit Hund – 6 Tipps für entspannte Spaziergänge“.

In meinem kostenlosen Einführungskurs „Endlich Laufen an lockerer Leine“ bekommst du Tipps zu deiner Klarheit an der Leine und, was du tun kannst, wenn dein Hund partout in eine Richtung will.

 

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