Ein Ruck an der Leine. Der Hund jault. Und hinterher heißt es: Das war doch nur ein Impuls. Der stellt sich nur an. Der Trainer hat gesagt, das muss zwischendurch mal sein.

Darüber habe ich mit Dr. Sandra Foltin gesprochen. Ihr Buch „Macht, Nähe, Gewalt – Der blinde Fleck im Umgang mit Hunden“ ist bei Kynos erschienen. Sandra hat Psychologie, Jura und Biologie studiert und über das Orientierungs- und Erkundungsverhalten von Hunden promoviert. Aus genau diesen drei Blickwinkeln ist ihr Buch geschrieben: warum Menschen tun, was sie tun, was es mit dem Hund macht und was das Gesetz dazu sagt – und nicht durchsetzt.

Die Folge gibt es auch bei Apple Podcasts, Spotify und Podimo.

Warum hat Sandra dieses Buch geschrieben?

Gewalt begleitet Sandra schon sehr lange – im Tierschutz, in der Unterbringung von Hunden und vor allem im Training. Ein Beispiel, das sie bis heute zornig macht, sind Kopfhalfter wie das Halti. Trainer:innen haben ihr immer wieder erklärt, das sei kein aversives Trainingsmittel. Sandra hat die Hunde gesehen, die damit nicht mehr explorieren konnten, mit stumpfem Blick, am Kopf herumgerissen. Und Haltende, die genau diese Argumentation übernommen haben, ohne ihren eigenen Hund anzuschauen.

Dazu kommt der Alltag: Menschen, die aufs Handy schauen statt auf ihren Hund. Hunde am kurzen Strick am Fahrrad. Ein Umgang beim Spaziergang, beim Training, beim Ein- und Ausladen, der dem Hund nicht gerecht wird.

Kynos veröffentlicht inzwischen gezielt Bücher, die gewaltfrei und evidenzbasiert sind. Die Neuerscheinungen tragen dafür ein gemeinsames Siegel.

Was bedeutet evidenzbasiert?

Evidenzbasiert heißt: Man macht sich einen Überblick über die aktuelle wissenschaftliche Lage, schaut, welche Maßnahmen wissenschaftlich begründet sind, und trifft daraus Entscheidungen für Umgang, Haltung und Training.1 Es heißt nicht, dass alles, was man im Training macht, schon erforscht ist – dann könnten wir ganz viel gar nicht mehr machen.

Sandra ergänzt: Das ist keine Einbahnstraße. Ohne neue Fragestellungen von Menschen aus der Praxis gibt es keine neue Theorie.

Warum ruckt man an der Leine, obwohl man seinen Hund liebt?

Sandra schreibt in ihrem Buch, dass Gewalt meistens nicht aus Sadismus entsteht, sondern aus Regulation. Ein zentraler Mechanismus dabei ist die kognitive Dissonanz.2 Zwei Überzeugungen widersprechen sich: Ich bin gut – aber ich tue Schaden. Diese Spannung lösen wir durch Umdeutung statt durch Verhaltensveränderung.

Das beginnt bei der Sprache: Ein Leinenruck ist dann kein Ruck mehr, sondern ein Impuls. Über Schmerz wird nicht gesprochen. Und es geht weiter mit dem Externalisieren: Der Hund ist selbst schuld, wenn er so zieht. Der Trainer hat gesagt, das muss mal sein. Mit Hunden muss man das so machen. Mein Opa hat immer gesagt, der Hund würde ja nicht an der Leine ziehen, wenn es ihm wehtun würde – weil er nicht verstanden hat, dass der Hund es nicht versteht.

Für mich ist es eine der größten Aufgaben, die wir als Trainer:innen haben: Gewalt nicht mehr zu rechtfertigen, sondern sie zu hinterfragen, uns selbst immer wieder zu hinterfragen und darüber aufzuklären, dass es auch anders geht. So ist übrigens der Name Anders mit Hund entstanden.

An der Leine rucken, in die Seite pieksen, anzischen, mit dem Fuß aufstampfen – das brauchst Du nicht. Wenn Du es machst, brauchst Du es auch nicht umzudeuten. Dann machst Du es, weil es Deine Überzeugung ist.

Was heißt eigentlich aversiv?

Aversiv heißt so viel wie zurückweisend oder abstoßend. Das Gegenteil ist anziehend, appetitiv. In der Psychologie gilt als aversiv, was ein Lebewesen vermeiden oder beenden will: alles, was unangenehm ist, weil es Furcht, Schmerz, Frust oder andere unangenehme Empfindungen auslöst.

Was der einzelne Hund als aversiv empfindet, entscheidet der Hund, nicht der Mensch. Wir können also nicht pauschal sagen, dies oder das ist aversiv – wir müssen das Individuum beobachten. Ausgenommen sind bestimmte Trainingsmethoden und Trainingsgegenstände, die immer aversiv sind. Da sind Sandra und ich uns einig.

Und es geht nicht nur um Schlagen, Schimpfen, Spucken. Auch die kleinen Gewalttätigkeiten des Alltags gehören dazu: zischen, blocken, isolieren, ausschließen. Sie verursachen keinen physischen Schmerz. Aber manipulieren wir damit unseren Hund? Unbedingt, sagt Sandra, sonst würden wir es nicht machen.

Wo steckt die Gewalt im Absichern?

Ein kleines Beispiel: Dein Hund ist an der Schleppleine. Du gibst ihm das Signal, zu Dir zu kommen, und er kommt nicht. Viele sichern das ab, indem sie ihn an der Leine heranziehen. Weil das nicht direkt mit Schlagen zu tun hat, gilt es als freundlich. Für den Hund bedeutet es: Entweder er bekommt mit, was ich sage, und reagiert in dem Zeitfenster, das ich festlege – oder ich zerre an ihm herum. Das ist eine Form von Zwang.

Woher das Absichern kommt, kann ich nur vermuten. Dahinter stehen für mich ein paar Mythen aus der Hundetrainingswelt: dass ein Signal Schaden nimmt, wenn der Hund es einmal nicht ausführt. Dass wir verlieren, wenn der Hund nicht macht, was wir sagen. Dass Hunde über Fehler lernen müssen. Und dazu ein Leistungsdruck, den sich Trainer:innen selbst machen – die Angst, dass es auf sie zurückfällt, wenn der Hund nicht zeigt, was sie gerade erklärt haben. Dann sind wir wieder bei der kognitiven Dissonanz, und es wird abgesichert.

Sandra beschreibt das als Kontrolle und Zwang: Verhalten entsteht dann nicht durch freiwillige Kooperation, sondern durch Druck, durch Drohung oder durch fehlende Alternativen. Oder, wie ich es neulich gesagt habe: Wer an die Macht von Lob glaubt, muss auch an die Macht von Schimpfen und Motzen glauben.

Klebt ein gut gebundener Hund an seinem Menschen?

Nein. Gerade Trainer:innen, die sagen, sie arbeiten gewaltfrei, ausgewogen, rein über Körpersprache, sprechen oft auch von Bindung. Gemeint ist dann häufig ein Hund, der sich dauernd umguckt, nah am Menschen bleibt und nichts infrage stellt.

Bindung hat aus Sandras Sicht zwei Seiten. Wir sind sicherer Hafen: Sucht der Hund Schutz, findet er ihn bei uns, und wir nehmen ihn an, so wie er in der Situation ist. Und wir sind sichere Basis: Wir geben ihm die Sicherheit, hinauszugehen und die Welt zu erkunden. Ein sicher gebundener Hund hat deshalb auch Distanz zu seinem Menschen, um zu explorieren. Unsicher oder ambivalent gebundene Hunde kleben an ihren Menschen – mit Ausnahmen, etwa bei sehr jungen Hunden oder Hunden, die gerade aus dem Tierschutz kommen.

Was tun, wenn alle um Dich herum anders handeln?

Solomon Asch hat in den 1950er-Jahren gezeigt, dass Menschen gegen ihre eigene Wahrnehmung mit einer Mehrheit gehen – und dass eine einzige Gegenstimme diesen Effekt deutlich verringern kann.3

Sandra rät: Wer ganz mutig ist, sagt in der Gruppe: Das ist für mich Gewalt. Wer das noch nicht schafft, was überhaupt nicht schlimm ist, sollte zumindest diese Gruppe, diesen Platz, diese Art des Trainings verlassen. Und sich jemanden suchen, bei dem das Bauchgefühl sagt: So ist es gut.

Von mir kommt noch etwas dazu: Sorg dafür, dass Du mindestens eine regelmäßig wiederkehrende Instanz in Deinem Leben hast – einen Podcast, einen Newsletter, eine Freundin –, die in Deinen Werten unterwegs ist. Die Dir zeigt: Du bist nicht allein.

Denn es gibt die Schweigespirale: Wer sich in der Minderheit glaubt, schweigt.4 Dadurch wirkt die Mehrheit größer, und es wird noch mehr geschwiegen. Genau deshalb haben wir uns damals für diesen Podcast entschieden: Wir schweigen nicht.

Und wenn Du Dich wiedererkennst?

Scham treibt Menschen oft tiefer in die Spirale hinein, statt sie herauszuholen. Sandra sieht das pragmatisch: Jeder von uns hat Fehler gemacht. Wer sagt, ich möchte umdenken und es täglich besser machen, hat den ersten Schritt getan. Jeder Moment, in dem Du merkst, das war jetzt nicht gut, ist ein Aha-Moment, den Du mitnimmst. Diese Momente sind für Sandra die Goldkrümel des Miteinanders.

Und ich gebe Dir noch einen Satz mit: Gewalt beginnt nicht beim Schmerz, sondern dort, wo Kontrolle wichtiger wird als Verstehen. Das sieht man nicht am Namen der Methode, sondern an der Funktion und am Ausdrucksverhalten des Hundes.

Wie geht es weiter?

Wenn Du das nicht mehr möchtest, Dir aber das Wie fehlt: Dafür gibt es richtig gute Trainer:innen und Begleitungen. Schreib mir eine E-Mail oder melde Dich zum Newsletter an. Sandra und ich empfehlen nur, wen wir live mit Menschen und den eigenen Hunden kennen.

Im ersten Halbjahr 2027 machen Sandra und ich gemeinsam eine Reihe für Hundehalter:innen. Infos dazu bekommst Du im Newsletter.

Sandras Buch: „Macht, Nähe, Gewalt – Der blinde Fleck im Umgang mit Hunden“, Kynos

Endnoten
  1. Sackett, D. L., Rosenberg, W. M. C., Gray, J. A. M., Haynes, R. B. & Richardson, W. S. (1996). Evidence based medicine: what it is and what it isn’t. BMJ, 312(7023), 71–72. https://doi.org/10.1136/bmj.312.7023.71 ↩
  2. Festinger, L. (1957). A Theory of Cognitive Dissonance. Evanston, IL: Row, Peterson. ↩
  3. Asch, S. E. (1955). Opinions and social pressure. Scientific American, 193(5), 31–35. https://doi.org/10.1038/scientificamerican1155-31 ↩
  4. Noelle-Neumann, E. (1974). The spiral of silence: A theory of public opinion. Journal of Communication, 24(2), 43–51. https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.1974.tb00367.x ↩