Über 4.000 Menschen suchen jeden Monat nach Beruhigungsmitteln für ihren Hund an Silvester. Nach Silvestertraining, danach, wie man den Hund an Silvester gewöhnt oder ihm die Angst davor nimmt, suchen – über alle Suchbegriffe, die mir eingefallen sind – gerade einmal 160. Überrascht hat mich das nicht. Aber es schwarz auf weiß zu sehen, war dann doch irgendwie traurig.

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Wie kam es zu diesen Zahlen?

Ich habe mich mit Anke aus dem BRAVE-Team über Silvester unterhalten, und sie hat erzählt, wie gut ihr Hund Silvester mittlerweile packt. Ihr Weg: Sie hat unseren alten Silvesterkurs durchgearbeitet. Den hatte ich gar nicht mehr so auf dem Schirm, wir vermarkten ihn seit Jahren nicht. Bevor wir ihn vielleicht wieder anbieten, will ich ihn noch einmal selbst durchgehen. Dafür habe ich nach neuen Studien gesucht – und danach, was Menschen mit Hund rund um Silvester beschäftigt.

Das Ergebnis: Die Menschen suchen nach

  • Gehörschutz für Silvester etwa 1.900-mal im Monat.
  • einer Unterkunft ohne Feuerwerk über 3.500.
  • Beruhigungsmitteln im Kontext Silvester und Hund über 4.000.
  • Eierlikör im selben Kontext rund 1.500. (Hinweis: Bitte nicht verwenden! Das hilft Deinem Hund nicht.)
  • Silvestertraining, Gewöhnung oder danach, wie man dem Hund die Angst nimmt: 160.

Gegen Gehörschutz oder eine Unterkunft ohne Feuerwerk habe ich erst mal gar nichts. Beides ist super sinnvoll, wenn man es dem Hund leichter machen will. Und ich habe auch nichts gegen eine gute Medikation über Silvester. Die Relation der Suchergebnisse lässt mich schlucken.

Was sagen Suchdaten – und was nicht?

Suchdaten zeigen nicht, warum gesucht wird, sondern ausschließlich, wonach. Vielleicht trainieren viele von denen, die nach Beruhigungsmitteln suchen, längst richtig gut. Vielleicht sind auch Tierärzt:innen darunter, die sich noch einmal über Medikation informieren wollen. Und bestimmt gibt es Menschen, die sich erst einmal einen Überblick über die Möglichkeiten schaffen wollen oder Trainer:innen – wie mich –, die herausfinden wollen, was für Mythen so durch das Web geistern.

Trotzdem passt die Zahl zu dem, was ich immer wieder höre: Der Hund ist halt so – der hat halt Angst, da kann man nichts machen.

Und darin steckt das eigentliche Problem für mich. Ich vermute, viele glauben gar nicht daran, dass Training etwas Nachhaltiges verändern kann – oder dass sie es hinbekommen.

Solange Menschen glauben, dass Angst vor Silvester eine Charaktereigenschaft ist, werden sie diese Angst auch nicht angehen.

Was kann Training an Silvester bringen?

Training ist für mich ein ganz wesentliches Element der Verhaltensänderung. Es schließt die Lücke zwischen dem, was der Hund mitbringt, dem, was die Umwelt in ihm auslöst, dem, was er gerade sonst noch zu verpacken hat, und dem, was wir im Alltag von ihm erwarten.

Gerade bei Silvester lässt sich Training ziemlich gut und wirksam gestalten. Wir können:

  • verändern, wie der Hund die Geräusche bewertet – sodass er, was er vorher unangenehm fand, eher egal oder sogar spaßig findet, weil er etwas Gutes erwartet.
  • trainieren, dass er sich an einen Ort zurückzieht oder sich Unterstützung bei uns holt, wenn ihm alles zu viel wird.
  • trainieren, dass er sich draußen schneller löst und wieder mit reingeht, damit wir an kritischen Tagen nicht lange draußen sein müssen.
  • ihn schrittweise an die Situation heranführen und mit ihm üben, dass an den Tagen rund um Weihnachten und Silvester die Dinge eben ein bisschen anders laufen.

Warum hat Stress so viel mit Kontrolle zu tun?

Stress hat viel damit zu tun, die Kontrolle zu verlieren – über das eigene Leben und das eigene Wohlbefinden. Dass es draußen knallt, daran werden wir nichts ändern. Diese Kontrolle können wir dem Hund nicht geben.

Aber wenn der Hund lernt: Wenn es knallt oder ich mich unwohl fühle, kann ich auf diese oder jene Art für meine Sicherheit sorgen – dann wird der Stress weniger. Und das ist ein himmelweiter Unterschied im Wohlbefinden.

Training, Management, Wohlbefinden und Hilfsmittel – wie hängt das zusammen?

Training ist eine Komponente. Eine von mehreren.

Management: Das, was auf den Hund einprasselt, wird gedämpft – zum Beispiel mit Gehörschutz – oder ganz ferngehalten, indem wir an Silvester so wegfahren, dass er von dem Trara nichts mitbekommt. Management ist toll, um Training zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass der Hund nicht überfordert wird, solange wir noch nicht so weit sind. Es ist auch super, wenn wir etwas zeitlich gerade nicht unterkriegen. Aber wann immer etwas Ähnliches kommt, das wir nicht abwenden können oder nicht vorhergesehen haben, ist der Hund dem ausgeliefert, wenn wir kein Training gemacht haben.

Wohlbefinden: Das heißt nicht: Wir lassen den Hund ein paar Kekse suchen, dann geht es ihm gut. Und es heißt auch nicht: Der hat immer Schmerzen, da kriege ich kein Wohlbefinden hin. Es heißt zum Beispiel, dass ein Hund sein natürliches Verhalten so weit wie möglich ausleben darf und über sein eigenes Leben Mitbestimmung, Gestaltungsmöglichkeiten und Kontrolle bekommt. Diese Kriterien sind in der Tierwohlforschung zwei von fünf – je nach Konzept auch sieben – Punkten, die unerlässlich sind, damit es Hunden gut geht.

Hilfsmittel: zum Beispiel vernünftige Psychopharmaka. Sie sind ein Puffer on top, überbrücken, was wir im Training noch nicht geschafft haben, greifen ein, wenn Dinge unerwartet kommen, und senken Belastungsspitzen.

Warum macht mir „Beruhigungsmittel“ Magenschmerzen?

Beruhigungsmittel heißt: ruhiggestellt werden. Und Nahrungsergänzungsmittel, die scheinbar körperfreundlicher und natürlicher sind als Psychopharmaka, sind schwierig. Ihr Nutzen ist nicht nachgewiesen, und sie sind gegebenenfalls ohne tierärztliche Unterstützung erhältlich. Damit unterliegen sie nicht der Kontrolle, die andere Medikamente haben, und werden nicht auf Wechsel- oder Nebenwirkungen bei diesem einen Hund geprüft.

Was sagen diese Zahlen über uns?

Mehr als 25-mal so viele Menschen suchen danach, wie man dem Hund Beruhigungsmittel gibt, und mehr als 20-mal so viele danach, wie man der Situation aus dem Weg geht, wie Menschen danach suchen, wie sie das für ihren Hund verändern können.

Dass wir eher nach Auswegen für den Moment suchen als nach Vorbereitung, die den Hund über Jahre unterstützt, erlebe ich relativ häufig. Ich sage einer Kundin: Da müssen wir noch mal auf die Belohnungen schauen. Sie sagt: Ich habe eine andere Käsesorte gekauft. Ich sage: Er soll ein bisschen mehr Freiheit bekommen. Die Antwort: Dann kaufe ich eine längere Leine.

Das ist total gut gemeint. Aber es zeigt, wie schnell wir zu Lösungen über Konsum greifen statt zu Lösungen, bei denen wir selbst aktiv werden. Shoppen geht schneller als anpacken.

Es fühlt sich gut an, mal eben etwas gekauft und sich damit der Situation gestellt zu haben. Es ist leichter, einen Knopf zu drücken und etwas in den Warenkorb zu legen, als mit jemandem Kontakt aufzunehmen, der uns beim Training unterstützt, oder das Training selbst zu planen und zu gestalten. Denn auf Training und Wohlbefinden zu schauen, heißt auch, auf mich selbst zu schauen: Was läuft vielleicht noch nicht so rund? Wo gehe ich vielleicht nicht so gut vor? Vielleicht sind wir auch frustriert, weil Training scheinbar nicht direkt greift. Oder wir haben schon so viele Trainer:innen und Tipps hinter uns, dass wir ganz wuschig im Kopf sind.

Muss ich alles trainieren?

Nein. Wenn Du sagst: Silvester ist einmal im Jahr, wir fahren weg – dann finde ich das okay. Man muss nicht alles trainieren. Man kann Dingen auch aus dem Weg gehen und Hilfsmittel einsetzen, wenn der Hund noch nicht so weit ist. Oder wenn man sagt: Ich habe da gerade keinen Nerv für. Wenn Ihr andere Baustellen habt und Du die Zeit lieber anders mit Deinem Hund verbringst und dafür sorgen kannst, dass er schwierigen Situationen nicht ausgeliefert ist, ist das vollkommen in Ordnung.

Ich glaube nur nicht, dass das der Grund für die rund 3.800 Suchanfragen Unterschied ist. Ich glaube, dass uns der Griff zum Produkt oft näher liegt als alles andere.

Deshalb möchte ich Dich ermutigen: Training kann eine Menge. Training in Kombination mit Management und Wohlbefinden kann noch viel mehr. Und Hilfsmittel oder Wegfahren sind super Puffer on top – egal, ob es darum geht, dass Du gerade mal nicht kannst oder Dein Hund gerade die Kapazitäten nicht hat.

Wo kannst Du über Training, Management und Wohlbefinden in Kombination Deinem Hund das Leben noch ein bisschen leichter und schöner machen?

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