So gelingt der Einzug eines Tierschutzhundes

So gelingt der Einzug eines Tierschutzhundes

Im letzten Artikel habe ich dir geschrieben, was dich erwartet, wenn du einen Tierschutzhund adoptieren möchtest. Heute dreht sich alles um den Einzug eines Tierschutzhundes und die ersten Wochen im neuen Zuhause – bei dir. Das gilt im Übrigen, sowohl, wenn du einen Pflegehund aufgenommen hast, als auch, wenn der Hund für immer bei dir einzieht.

Nun steht der Moment bevor und du kannst deinen Hund bei dir aufnehmen. Eure ersten Tage werden für euch beide spannend. Doch du bist klar im Vorteil, denn du wusstest, dass dein Hund zu dir kommt. 

Für ihn sieht das ganz anders aus…

So gelingt der Einzug eines Tierschutzhundes

Bereite den Einzug eines Tierschutzundes vor

Egal wie alt dein Hund beim Einzug ist, die Sachen aus dem Artikel  „Ein Welpe zieht ein“ kannst du in jedem Fall  ebenfalls anwenden. 

Es erleichtert es deinem Hund, wenn du ihn für den Einzug aus einer vertrauten Umgebung abholst und dir dabei ein wenig Zeit nimmst. So bist du schon ein bisschen vertraut und im neuen Umfeld ein erster bekannter Aspekt. Nicht immer geht das, zum Beispiel, wenn du deinen Tierschutzhund direkt am Flughafen übernimmst. Etwas, dass zwar sehr üblich geworden ist, für mich aber immer viele Risiken birgt, weil es für die Hunde eine massive Überforderung ist. 

Nimm dir die ersten Tage unbedingt frei, habe ausreichend für euch beide eingekauft und lade niemanden ein, und die klassischen Spontanbesucher ausdrücklich aus. Die ersten Tage gehören nur euch. Ich habe für den ersten Tag sogar meistens vorgekocht oder auf die gute alte Brotzeit gesetzt, damit ich nicht zu viel um die Ohren habe und nicht gleich mit Klappern und Scheppern in der Küche starte. 

Besorge dir idealerweise ein Geschirr und ein Halsband, sowie zwei Leinen um deinen Hund doppelt sichern zu können. Ich habe am liebsten auf eine Halsband-Geschirr-Kombi gesetzt bei der das Geschirr mit dem Halsband verbunden war und ich am Geschirr geführt habe. Die Verbindung kannst du dir anfertigen lassen. Sollte der Hund sich zu Beginn aus dem Geschirr wenden, hängt dieses am Halsband und der Hund ist weiter gesichert. Später kannst du dann einfach nur noch das Geschirr verwenden. 

Viele der Sicherheitsgeschirre sitzen nicht gut und drücken hinten in die Weichteile bzw. sitzen auf den Rippen, die nicht mit dem Brustbein verbunden sind. Das kann unangenehm sein und zu Schmerzen führen. 

Ich verwende die Geschirre von together gerne und dazu Leinen und Verbinder aus dem Shop meiner Kollegin Anja vom Pfoten.land. Sie kann dir auch Halsbänder dazu passend machen und dich beraten.

So gelingt der Einzug eines Tierschutzhundes

Kindergitter helfen die Wohnung zu sichern

Kindergitter oder andere Trenngitter sind Gold wert: 

im Flur, damit der Hund nicht versehentlich zur Haustür rauswitscht, wenn du die Post annimmst.

für Räume, in die der Hund nicht gehen soll, damit du hier am Anfang keine Regeln aufstellen musst.

als Sicherung vor offenen Treppen, die der Hund vielleicht noch nicht kennt oder nicht gehen darf.

zur Trennung von Kindern oder anderen Hunden, ggf. auch zum Unterbrechen der Verfolgung von Katzen – hier würde ich checken, ob die Katze über das Gitter kommt oder eine Variante mit Durchlass für Katzen wählen.

zur Trennung bei der Fütterung mehrerer Hunde.

Wir haben unsere bis heute im Einsatz, z.B. wenn im Sommer die ersten Tage die Terrassentüren aufstehen, ich aber nicht will, dass die Hunde komplett eigenständig rein und rausgehen. 

Je weniger dein Hund von alleine ausführen kann, was er eh nicht soll, desto weniger musst du zu Beginn trainieren. Du kannst dich erstmal auf das Wesentliche konzentrieren und die Hilfsmittel dann nach und nach ausschleichen. 

Wir haben unsere Gitter bis heute hin und wieder im Einsatz, z.B. wenn im Sommer die ersten Tage die Terrassentüren aufstehen, ich aber nicht will, dass die Hunde komplett eigenständig rein und rausgehen oder auch bei Renovierungen, damit es keine Farbtapsen gibt. 

So gelingt der Einzug eines Tierschutzhundes

Der erste Eindruck ist nicht einer

Wenn dein Tierschutzhund bei dir einzieht, ist alles für ihn neu. Du, deine Wohnung, deine Einrichtung, die Geräusche der Nachbarschaft und der Umwelt, die Gerüche – einfach alles. Das ist für das Hundegehirn schwer zu verdauen. Denn normalerweise sortiert es im vertrauten Umfeld die immer vorhandenen Reize aus und verarbeitet nur das, was neu oder anders ist. Es sucht nach Veränderungen und Kontrasten. Bei dir ist alles neu. Es prasseln Millionen Informationen gleichzeitig ein. Sie nicht zu bewerten bedeutet, sich der Gefahr auszusetzen etwas Wichtiges zu verpassen. Das ist Stress pur, woran du Stress erkennst, habe ich dir hier beschrieben. 

Deswegen rollen sich so viele Hunde zu Beginn erst einmal ein und machen nichts. Viele Menschen denken, sie würden sich zufrieden einrollen und „endlich zur Ruhe“ kommen. Doch meistens ist es etwas anderes:

Klein eingerollt – womöglich in einer Ecke bietet der Hund weniger Angriffsfläche.

Stationär kann das Gehirn zunächst alle Reize verarbeiten ohne, dass neue hinzukommen, z.B. vom Tastsinn bei jeder Bewegung Infos über die Lage im Raum und den Untergrund.

Ist das Gehirn komplett überfordert, schaltet es sich in einen „Konfliktschlaf“ und die Erschöpfung übermannt es. Das ist nicht zu verwechseln mit Entspannung. Mehr dazu erfährst du in Podcast Episode #19 „Entspannungsstraining“ und im Blogartikel „Bleib mir weg mit Ruheübungen“

Das Beste ist es jetzt den Hund erst einmal in Ruhe zu lassen. Ihm Futter und Wasser in der Nähe anzubieten und sich selber so normal wie möglich zu verhalten. Wenn du Kinder hast, lasse diese erst einmal Abstand halten. Verzichte jedoch darauf, sie durch Klassiker wie das „sssscht“ mit Zeigefinger vor dem Mund still zu halten. Zum einen sind Zischgeräusche für Hunde bedrohlich, zum Anderen entsteht dann meistens eine angespannte Stille. 

Bei anderen Hunden im Haus beobachte, ob beide Seiten vorsichtige freundliche Annäherung wagen. Das kann für den Tierschutzhund unter Umständen eine Hilfe sein. Suchen sie nicht von alleine die Nähe in freundlicher Art und Weise, dann locke sie auch nicht an einen Ort. Wie freundliche Nahkontakte aussehen, habe ich u.a. hier beschrieben. Im Übrigen freuen sich nicht alle Hunde über einen Mitbewohner. Lies dazu mehr im meinem Artikel über Mehrhundehaltung.

​Manche Tierschutzhunde kommen zu Beginn gar nicht zur Ruhe, sie rennen rastlos auf und ab und erschrecken sich bei jedem Fitzelchen. In dem Fall, verhalte dich möglichst ruhig. Versuche viele geruhsame Sachen zu machen, ohne dich zu verstellen. Setz dich hin und lies ein Buch, surfe im Internet ohne Dr. Google zu befragen, bügel ein paar Sachen – Hauptsache du tust etwas eher gleichmäßiges und räumlich begrenztes. Das macht es dem Hundegehirn einfacher, dich schneller einzuschätzen und als „ungefährlich“ einzustufen. 

Passieren Missgeschicke, es knallt und scheppert, spreche ein paar freundliche nette Worte mit dir selber ohne viel Aufhebens um den Hund zu machen. Vor allem: Ärgere dich nicht zu sehr, das macht es für den Hund nur blöder. 

So gelingt der Einzug eines Tierschutzhundes

Erst mal geht es nur um euch und eure Beziehung

Bindung und Vertrauen entstehen durch Sicherheit. Sicherheit entsteht durch Berechenbarkeit und Vorhersagemöglichkeiten. Diese fehlen beim Einzug eines Tierschutzhundes komplett.

Deswegen solltest du den Fokus genau hierauf in den ersten Wochen legen. Du kannst Sicherheiten schaffen in dem du möglichst zügig Routinen etablierst, wie zum Beispiel:

immer nach deinem abendlichen Zähneputzen gibt es noch ein Betthupferl für deinen Hund an einem festen Platz und dann gehst du ins Bett.

nach dem Gassi bzw. dem Lösen gibt es drinnen Futter und dann ist erstmal mindestens 30 Minuten Ruhe in der Wohnung.

wenn du frühstückst, gibt es für ihn auch etwas an einem Platz.

wenn du dir bestimmte Schuhe anziehst, geht es zusammen raus.

wenn jemand nach Hause kommt, zieht der erst die Schuhe aus und dann werden alle begrüßt.

bestimmte Sachen ankündigst und deinen Hund so „vorwarnst“. Es gibt ihm die Gelegenheit sich darauf einzustellen und mindert den Schreck. Du musst nicht alles ankündigen und deinen Hund die ganze Zeit Dinge erzählen, du bist ja kein Küchenradio.

Begrenze dich auf wesentliche Informationen. Diese sind individuell, als grundsätzlich sinnvoll haben sich u.a. diese etabliert:

Berührungen.

Handlingssachen, wie das An- und Ableinen oder andere Annäherungen.

laute Geräusche, wie z.B. ein Mixer oder andere Dinge bei denen du eine Reaktion des Hundes vermutest.

du verlässt kurz die Sicht deines Hundes, z.B. um den Müll vor die Tür zu stellen.

Achte darauf, dass es sich in den ersten 2-3 Wochen möglichst nur um euch dreht. Ihr, das bist du, deine im Haus lebende Familie (2- und 4-beinig) und der frisch eingezogene Tierschutzhund. 

So gelingt der Einzug eines Tierschutzhundes

Stelle schon beim Einzug eines Tierschutzhundes die richtigen Weichen

Oft höre ich Sätze, wie:

Ich lasse ihn erstmal ankommen.

Es ist zu früh für Training.

In der ersten Zeit machen wir nichts.

Grundsätzlich bin ich damit einverstanden, wenn dein Bild Hundeerziehung ist: Training oder -Schule – Du setzt dich in dein Auto, fährest an einen bestimmten Ort und nimmst dort eine Stunde an einem Gruppen- oder Einzeltraining teil. In diesem Falle würde auch ich warten, denn diese Sachen können deinen Hund überfordern. Das ist ein Grund, weshalb ich diese Konzepte nicht anbiete. Wenn dich meine Gründe dafür interessieren, lies gerne hier weiter. 

Doch Lernen und Training findet immer statt! Wenn du den Start des Trainings aufschiebst, lernt dein Hund dennoch. Also gestalte die ersten Wochen direkt bewusst und stelle die richtigen Weichen! Eine gute Onlinebetreuung unterstützt dich dabei, ggf. sogar schon VOR dem Einzug. Bei uns wäre es mein Jahresprogramm „Ein echtes Team“, das insbesondere für dich richtig ist, wenn du dir eine intensive Betreuung zugeschnitten auf das erste Jahr wünschst.

Die Ankündigungen sind ein wichtiger Aspekt der richtigen Weichen, weil sie auf euer Vertrauen einzahlen. Dazu würde ich sofort beginnen die Verhaltensweisen zu belohnen, die mir im Alltag wichtig sind bzw. die ich mehr sehen will. Idealerweise erstmal die, die der Hund von ganz alleine richtig macht. 

Durch ein belohnungsbasiertes Training hilfst du deinem Hund, dabei nicht nur zu erkennen, was das richtige Verhalten ist, sondern du:

intensivierst eure Beziehung.

 wirkst aktiv gegen Ängste bei deinem Hund.

baust Vertrauen auf.

stärkst seine guten Emotionen.

Parallel baue für deinen Hund einen sicheren Rückzugsort auf. Die sogenannte „Hunde-Oase“. An diesem Ort haben Menschen und andere Tiere nichts verloren. Dein Hund kann all seine Bedürfnisse, die nichts mit Interaktion zu tun haben, hier stillen und zur Ruhe kommen. Dieser Ort ist heilsam und wichtig! Er dient deinem Hund als „Tankstelle“, Sicherheitsbereich und ist der erste Schritt zum stressfreien alleine bleiben. Außerdem kann dein Hund so mit dir kommunizieren, wann er keinen Kontakt will. Wähle einen für deinen Hund guten Ort nach seinen Vorlieben, in dem er sich drehen, stehen, wenden kann, Wasser zur Verfügung haben kann. Richte es ihm schön ein und verknüpfe ihn Tag für Tag mit schönen Sachen, wie Kauartikeln oder Schleckmatten, Spielsachen etc.

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Gassi gehen ist nicht unbedingt möglich und nötig

Dein Hund muss sich natürlich lösen können. Dafür richte von Beginn an Lösestellen ein, also Orte an denen er sich schnell und zuverlässig löst. Gerne in deinem Garten oder in der Nähe des Hauses. Gerade wenn du einen ängstlichen Hund hast oder er noch nicht stubenrein ist, hilft das ungemein. 

Gassigehen ist in den ersten zwei Wochen nicht unbedingt nötig. Grundsätzlich sollte ein Gassigang Freude machen, und dein Hund in der Lage sein neugierig zu erkunden, sonst ist es mehr Stress, als Spaß. Gerade in den ersten Wochen nach dem Einzug eines Tierschutzhundes ist das also gar nicht so wichtig. 

Lege den Fokus auf euer häusliches Umfeld, den Garten und vielleicht eine Mini-Strecke von 10-15 Minuten, die ihr Stück für Stück erkundet. Es geht dabei nicht um Tempo oder Bewegung, sondern um gemeinsame Qualitätszeit. 

Wir profitieren noch heute davon, dass wir mit unseren Hunden früh bestimmte Strecken systematisch strukturiert und trainiert haben. Ob zu Silvester, bei Gewitter oder an zeitlich engen Tagen: Auf diese Runden ist Verlass! 

So gelingt der Einzug eines Tierschutzhundes

Systematisch und strukturiert lautet die Devise

In den ersten Wochen nach dem Einzug eines Tierschutzhundes prasseln eine Menge Aufgaben auf euch ein. Ein zunächst großer Berg und gefühlt muss alles gleichzeitig geschehen. Das kann für euch beide überfordernd sein und bringt so manchen Menschen an seine Grenzen. Ich kenne das. 

Da sind die gesamten Sachen, die man für den Alltag benötigt,z.B.: 

Geschirr an- und ausziehen.

Zuhause zur Ruhe kommen.

Leinenführung.

vielleicht der eine oder andere Angstauslöser.

geduldig auf das Futter warten oder begrüßen.

sich anfassen lassen.

Hunden, Radfahrern und Co. begegnen.

Auto fahren.

Und dann die Besonderheiten, die auch bald kommen, z.B.:

Tierarztbesuche

Besuche

Alleine bleiben

Mach dir eine Liste und priorisiere! Je weniger du gleichzeitig übst, desto schneller kommst du voran. Bei unserem Programm „Ein echtes Team“ helfen wir dir dabei und du darfst dir immer eine Aufgabe für drinnen und eine für draußen überlegen, die wir systematisch trainieren, bis sie alltagstauglich ist. 

Bei der Priorisierung helfen die Fragen:

Was ist aktuell das Wichtigste?

Wann brauche ich tatsächlich was?

Was kann ich erst einmal hinten anstellen oder anders organisieren?

Oft lernen die Hunde zunächst Dinge, wie „Sitz“ oder „Platz“, statt der Sachen mit denen man sie wirklich gut durch den Alltag leiten kann, wie Leinenführung oder den Umgang mit potentiellen Angstauslösern. 

Alles, was du nicht sofort brauchst, stelle hinten an. Bleibe systematisch am Ball und arbeite eines nach dem anderen ab – vergiss nicht dabei: Es darf Spaß machen, euch beiden. Denn ihr wollt ja zusammenwachsen!

Wenn dich das Thema Tierschutz interessiert, höre auch gern in unsere Podcast Episode #52 „Ein Pflegehund dazu – Tierschutz beginnt bei den eigenen Hunden“ und Podcast Episode #53 „Seriöser Tierschutz – Was bedeutet das?“.

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