Warum Rudelführer sein, nichts mit Bindung zu tun hat

Warum Rudelführer sein, nichts mit Bindung zu tun hat

Lass uns mit der Begriffsklärung starten: 

Bindung und Beziehung sind Begriffe aus der Psychologie. Sie bezeichnen den Austausch von Verhalten, die Kommunikation und das Bedürfnis an Nähe zwischen zwei Individuen. Mehr dazu habe ich dir in diesem Artikel zusammengefasst. 

Und, falls dich das Thema tiefer interessiert, lausche auch gerne der Podcast Episode #64 von Dr. Sandra Foltin und mir. 

Ein Rudel ist für mich eine gewachsene Struktur einer Hundefamilie, die aus Elterntieren, dem aktuellen Wurf und den Tieren aus dem vorherigen Wurf bestehen. Mehr zum Thema Hunderudel findest du hier. Wir bilden also nie ein wirkliches Rudel mit unseren Hunden. Wir bilden eine Gruppe – einen Verbund mit Strukturen.

Rangordnung vs. Struktur

Gerne wird die Struktur in einer Gruppe rein hierarchisch gesehen und als „Rangordnung“ bezeichnet. Doch sind diese Strukturen nicht linear hierarchisch aufgebaut, sondern komplex. Längst weiß man, dass Beobachtungen, die Grundlage für das Bild unserer Hunde waren, weder einfach auf den Hund, noch auf frei lebende Gruppen übertragbar sind. Denn die Beobachtungen fanden an Wolfsgruppen in Gefangenschaft statt. 

Hundegruppen und auch Rudel haben feste Strukturen. Es gibt durchaus Leittiere und Hunde mit festen Aufgaben. Die Leittiere zeichnen sich primär dadurch aus, dass sie kein Problem haben, sich eigenständig von der Gruppe zu entfernen und diese ihnen freiwillig folgt. 

Korrektur, Zurechtweisungen, Strafe und Auseinandersetzungen sieht man dabei sehr selten. Meist sind es alternde oder kränkelnde Tiere, die dünnhäutig reagieren oder junge Tiere, die noch im Reifeprozess sind. Es ist jedoch nie ein Zeichen von Stärke. Leittiere in Gruppen führen nicht durch Kommandos oder Befehle, sondern durch Vorleben sinnvoller Strategien. Sie sind die Tiere, die sich am Nachmittag erheben und zur Wasserstelle gehen – der Rest der Gruppe folgt eigenständig. 

Warum Rudelführer sein, nichts mit Bindung zu tun hat

Rudelführer, Dominanz und Rangordnung in der Hundeerziehung

Woher kommen dann die Denkweisen, dass du deinem Hund als Rudelführer begegnen, ihn dir unterordnen und dominanter sein sollst als er? 

Sie sind kulturell bedingt und stammen aus einer Zeit in der zum einen Tiere als reine Reiz-Reaktions-Maschinen und zum anderen jede Beziehung rein hierarchisch gesehen wurde. Je nach Epoche, Region und Kultur kann man unterschiedliche Phänomene in der Hundeerziehung beobachten. In unserer sehr hierarchisch, militärisch geprägten Kultur werden eben genau diese Aspekte auf das Zusammenleben mit Hunden (und Pferden) übertragen. Mit der Biologie, der evolutionären Entwicklung dem Sozialverhalten unserer Hunde haben sie weit weniger zu tun. 

Dein Erziehungsstil verrät mehr über dich, als über dein Wissen zum Hund

Genauso ist es eine Typfrage, an welcher Erziehungsmethode man festhält und welchen Weg man gehen will. 

Du bist eine Person, der Macht und Hierarchie wichtig sind? Dann wirst du mit Alpha-, Rudelführer-, Dominanz und Rangordnungskonzepten vermutlich glücklich. Ganz egal, ob wir sie aus der Biologie ableiten können oder nicht. Es ist weder eine Aufgabe, dich eines besseren zu belehren, noch möchte ich sagen, dass diese Konzepte nicht funktionieren. 

Die Frage ist eben, was man will und was „funktionieren“ für einen bedeutet. Für mich funktionieren diese Konzepte nicht, weil sie als Ziel nicht das Zusammenleben und die Mensch-Hund-Beziehung haben, die ich mir wirklich wünsche. 

Die Frage ist also nicht, welche Trainingsmethode ist richtig oder falsch, sondern, welcher Typ bist du und was wünschst du dir vom Zusammenleben mit deinem Hund?

Welche Rolle willst du einnehmen?

Ich kann meinen Hunden längst nicht die Freiheit geben, die ich ihnen gerne geben würde. Zu groß wäre die Gefahr, dass sie eine Bedrohung für die Umwelt oder sich selber wären. 

Und doch: Sie sind Individuen, die für mich das selbe Recht auf Entscheidungsfreiheit, Wohlbefinden und Unversehrtheit haben, wie ich. Ich habe mir ausgesucht, wie sie ihr Leben verbringen. Es ist meine Aufgabe, sie bestmöglich dabei zu begleiten und auf unsere Herausforderungen vorzubereiten. Ich übernehme die Verantwortung, dass sie einen Rahmen bekommen, in dem sie sich frei verhalten können und die Grenzen dieses Rahmens eingehalten werden können. 

Dabei setze ich nicht auf Angst, den Rahmen zu übertreten, sondern darauf, dass sie sich im Rahmen so wohl fühlen, dass sie gar nicht das Bedürfnis haben und, dass wir einige Signale haben, die sie wieder in den Rahmen bringen, wenn sie die Grenzen übersehen. Dazu gehört z.B. mein Rückruf, wenn unsere Minnie ein Gehölz ansteuert. 

Ich sehe mich als Teamleiterin eines möglichst frei agierenden Teams, dass gemeinsam wächst. Es ist meine Aufgabe alle Teammitglieder zu fördern und entsprechend ihrer Kompetenzen frei agieren zu lassen. Meine Teammitglieder sind eigenständig und zugleich Teil des Ganzen. 

Was hat die Trainingsmethode mit Bindung zu tun?

Training ist Bindungsverhalten und Kommunikation. Training und Trainingsmethode bestimmt maßgeblich das Verhältnis zwischen dir und deinem Hund. Die Auswahl deiner Trainingsmethode bestimmt also euer gesamtes Zusammenleben und ist damit das Fundament eurer Beziehung. 

Es ist deine Wahl, wie dein Hund dich sehen soll und was deine Nähe und Anwesenheit für ihn bedeuten soll. 

Das Schlimmste was du machen kannst…

… sind stetige Wechsel der Methode und Trainingsrichtung. Dann bist du unzuverlässig und dein Hund hat keine Basis für euer Vertrauen. Wenn du dir also nicht sicher bist, was für ein Typ du bist, schaue dir verschiedene Methoden an und hinterfrage sie, ob du dich damit identifizieren kannst, ehe du deinen Hund zu Probestunden schleppst.

Warum Rudelführer sein, nichts mit Bindung zu tun hat

Zur Bindung gehören Grenzen!

Wie oft lese ich, dass man Grenzen setzen muss und diese eingehalten werden müssen. Ich frage mich dann immer, wer das bestreitet. Die Frage ist doch nicht „ob“, sondern „wie“. 

Definitiv gibt es bei uns eine Menge an Grenzen. Meine Hunde dürfen nicht jagen, nicht vor Autos hüpfen, sich nicht gegenseitig beschädigen, nicht bei der Nachbarin im Vorgarten buddeln usw. 

Damit das nicht passiert, handel ich vorausschauend und trainiere Signale, die sie in andere Richtungen lenken, wenn sie auf dem Weg sind unerwünschte Dinge zu tun. Ich übe mit ihnen die Dinge, die ich in dem Kontext sehen will, also z.B. an lockerer Leine am Vorgarten der Nachbarin vorbeigehen, statt auf Fehler zu warten und diese zu korrigieren. 

Wenn unerwartete Dinge kommen oder meine Hunde den Verhaltensrahmen überschreiten, fordere ich sie auf, wieder in die richtige Richtung zu gehen, z.B. durch meinen Rückruf. Dazu suche ich mir gute Lerngelegenheiten um den erwünschten Verhaltensrahmen zu fördern.

Vertrauen lautet die Devise!

Im Übrigen: meine Hunde dürfen mir auch Grenzen setzen. Ich wünsche mir, dass sie mir vertrauen und dazu gehört auch, dass sie sich trauen mit mir offen zu kommunizieren. 

Das ist für mich das A & O jeder Beziehung: eine offene und gelungene Kommunikation, die auf Dialoge setzt. Willst du wissen, wie du die Kommunikation mit deinem Hund verbessert und so das Vertrauen vertiefst? 

Dann komm jetzt in meinen Kurs „Sicherheit schenken und Bindung stärken“.

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