Alleine bleiben ohne Trennungsstress - die Vorbereitung

Alleine bleiben ohne Trennungsstress – Die Vorbereitung

 

Wer sich einen Hund anschafft, hat in der Regel vor, Zeit mit ihm zusammen zu verbringen. Doch in unserem Leben kann es immer wieder passieren, dass wir den Hund nicht mitnehmen können oder wollen. Letzteres vielleicht auch, weil es für den Hund überfordernd wäre. Leider weiß unser Hund nicht, dass es gute Gründe dafür gibt, dass wir ihn alleine lassen müssen.

   

Einem Hund das Alleinebleiben beizubringen, bedeutet Achtsamkeit, eine gewisse Frustrationstoleranz und die Bereitschaft, Zeit und Arbeit zu investieren. Denn für das soziale Wesen Hund ist das Zusammensein mit seiner Gruppe mehr als nur ein Spaß. Hoch entwickelte Sozialkompetenzen, wie Hunde und auch wir Menschen sie haben, entstehen nicht einfach so – die Natur hat ein paar Mechanismen eingebaut, damit das Ganze auch funktioniert und die Hürden zum Verlassen der Gruppe hoch angesetzt. Nicht ohne Grund haben auch wir Menschen oft Ängste, nicht dazu zu gehören, Außenseiter zu sein oder eine Gruppe (z. B. am schlechten Arbeitsplatz) zu verlassen.

Die Kehrseite von Bindung lautet Trennungsschmerz. Und nicht selten entwickeln sich daraus Trennungsstress und Trennungsangst. Wenn Du bereits weißt, dass Dein Hund Trennungsstress hat, lies hier weiter: „Mein Hund kann nicht gut alleine bleiben“.

Was ist Trennungsangst oder Trennungsstress?

Trennungsschmerz ist der logische Umkehrschluss einer Bindung. Denn „Bindung“ beinhaltet, dass man beieinander ist. Eine räumliche Trennung fühlt sich nicht gut an. Die Mensch-Hund-Bindung ist dabei durchaus vergleichbar mit der Eltern-Kleinkind-Bindung, wie Du vielleicht schon in meinem Artikel „Bindung zwischen Mensch und Hund“ gelesen hast. Falls Du eine Trainerkolleg:in bist, empfehle ich Dir die Webinarreihe „Mensch-Hund-Beziehung betrachten und begleiten“ mit Dr. Sandra Foltin und mir.

Trennungsangst und Trennungsstress gehen noch weiter. Wenn sie eintreten, bereitet das Alleinebleiben nicht nur Unwohlsein, sondern der Hund bekommt tatsächlich Angst in und vor der Situation, allein zu sein. Da Angst ein starkes negatives Gefühl ist, speichert das Gehirn auch die Vorboten für die jeweilige Umstände. So hat der Hund mittelfristig nicht nur Angst beim Alleinsein, sondern auch schon vorher.

Hat er keine Strategie, um die Situation zu bewältigen, bekommt er Stress.

Trennungsstress und Trennungsangst gehen oft miteinander einher, müssen es aber nicht zwingend. Da Stress vor allem dann entsteht, wenn ein Individuum keine Kontrolle über die Situation hat und auch keine Bewältigungsstrategie vorhanden ist, kann er auch bei anderen emotionalen Lagen eintreten als bei Angst. Hat der Hund eine Bewältigungsstrategie für den beängstigenden Moment, sinkt der Stress maßgeblich, unabhängig von der Angst.

   

Wie entsteht Trennungsangst beim Hund?

Es sind viele Faktoren, die zur Trennungsangst führen. Die Fürsorge des Muttertiers spielt eine wichtige Rolle. Die Art und der Zeitpunkt der Trennung von Geschwistern und Eltern sind ein weiterer Faktor. In unserem Leben mit Hunden ist dieser Einschnitt viel schroffer, als in der Natur, wo die Abwanderung eines Junghundes aus der Familiengruppe nach und nach geschieht. Auf diesen Aspekt gehen Dr. Sandra Foltin und ich gemeinsam in den beiden Onlinevorträgen „Mensch-Hund-Beziehung bedürfnisgerecht gestalten“ ein.

Nicht nur die Vergangenheit spielt eine große Rolle, sondern auch die gegenwärtige Situation und das allgemeine Wohlbefinden. So tritt Trennungsangst häufiger bei Hunden auf, die zu anderen Umweltängsten neigen, z. B. Geräusch- oder Gewitterangst. Insbesondere dann, wenn die Bewältigungsstrategien des Hundes stark an den Menschen gekoppelt sind.

Je mehr ein Mensch die Ressourcen des Hundes kontrolliert und sein Leben „managet“ und kontrolliert, desto wahrscheinlicher wird es, dass der Hund den Menschen zum Wohlfühlen benötigt. Zu dem normalen Trennungsschmerz kommt der Verlust der wesentlichen Ressourcen bei Abwesenheit des Menschen.

So schön es ist, wenn wir unserem Hund Sicherheit schenken, er braucht auch die Fähigkeit, Herausforderungen zu überwinden, wenn wir nicht da sind. Wir dürfen uns nicht zu seinem Lebensmittelpunkt machen.

Woran erkennst Du die Angst vor dem Alleine lassen?

Neben den klassischen Stressanzeichen und den Signalen der Überforderung, sind es besonders Verhaltensmuster in bestimmten Momenten, die Dir verraten, dass ein Problem bestehen könnte.

In unserem Podcast „#22 Trennungsstress – Ein häufig unerkanntes Problem“ schildern Anja und ich Dir viele Symptome.

Klassische Warnsignale sind:

  • Dein Hund folgt Dir wie ein Schatten durch die Wohnung, wenn Du zu Hause bist.
  • Kommst Du nach Hause, ist Dein Hund erschöpft und gestresst.
  • Futter und Wasser bleiben während Deiner Abwesenheit unangetastet.
  • Während Du weg bist, macht Dein Hund „verbotene“ Dinge und zerstört Gegenstände, die er eigentlich nicht haben darf.
  • Euer Training an anderen Themen stagniert, obwohl Du systematisch und sauber trainierst und Dein Hund gesund ist.
  • Das Erregungslevel Deines Hundes schießt in die Höhe, wenn Du gehen willst.
  • Dein Hund begrüßt Dich nicht nur intensiv, sondern kommt danach für einen längeren Zeitraum nicht zur Ruhe.
  • Dein Hund hat Geräusch- oder Gewitterangst.

Du merkst: Es gibt eine Menge Symptome! Weitere haben Dr. Sandra Foltin und ich Dir in unserem Podcast „#64. Die Bindung zwischen Mensch und Hund“. Hier bringen wir die Bindungstypen in Bezug zu dem Verhalten bei Deinem Kommen und Gehen.

   

Trennungsangst oder Kontrolle?

Gerade der Aspekt, dass Hunde uns durch das Haus verfolgen oder etwas zerstören, bellen und jaulen, wenn wir nicht da sind, wird häufig als Versuch seitens des Hundes ausgelegt, Kontrolle zu erlangen.

In gewisser Weise stimmt das: der Hund versucht, Kontrolle über sein Leben zu bekommen, um Sicherheit und Wohlbefinden wiederherzustellen, denn Kontrollverlust macht immer Stress.

Doch der Hund will nicht uns kontrollieren – er will sicher sein. Für mich ein himmelweiter Unterschied.

   

Gerade, wenn Du Deinem Hund nicht zuverlässig ankündigst, wenn Du gehst, muss er Dich verfolgen, um sich zu verwissern, dass Du da bist und ihn nicht verlässt.

Wenn er gelernt hat, dass er nur an der Couch knabbern muss, damit Du kommst (um es ihm zu verbieten), wird an der Couch geknabbert, um Dich zu holen.

Versucht er, Türen oder Fenster zu zerstören, will er Dir folgen, weil er bei Dir sein will.

Dein Hund will Dich nicht beherrschen, sondern Teil seiner Gruppe sein, um den Schutz der Gruppe zu genießen. Es ist Deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass er sich auch ohne Dich wohlfühlen kann.

Woran erkenne ich, dass mein Hund entspannt ist, wenn ich ihn allein lasse?

Wenn Dein Hund beim Alleinebleiben entspannt ist, wird er insgesamt ausgeglichener sein, denn Hunde mit Trennungsangst und Trennungsstress sind dünnhäutiger.

Du erkennst es zudem daran, dass er Dich zwar beobachtet, wenn Du Deine Jacke anziehst, sich dabei aber durchaus weiter mit seinen Dingen beschäftigen kann.

Vielleicht ist er verpennt, wenn Du nach Hause kommst. Und er streckt sich auf dem Weg zur Tür erstmal. Er begrüßt Dich freudig, aber nach ca. einer Minute ist es auch wieder gut.

Dinge, mit denen er sich beschäftigen darf und die er gerne mag, werden auch während Deiner Abwesenheit genutzt.

Idealerweise solltest Du Deinen Hund mal filmen, während Du weg bist!

Wie kann ich meinem Hund das Alleinbleiben erleichtern?

Ein zweiter Hund ist nicht unbedingt die Lösung. Mehr dazu verraten Anja und ich Dir im Podcast „#70 Gemeinsam einsam“. Bitte schaffe Dir keinen zweiten Hund an, damit er den ersten Hund betreut. Das ist nicht seine Aufgabe.

Das Wichtigste ist, dass Dein Hund lernt, dass Deine Abwesenheit nichts Schlimmes ist und Du zuverlässig wiederkommst. Trainiere mit Deinem Hund die wesentlichen Schritte, damit er ohne Dich entspannen kann. Dazu gehören:

  • eine Strategie zum Stillen seiner Bedürfnisse ohne Dich.
  • passive Entspannung.
  • Rituale zum Verabschieden und zum Begrüßen.
  • ein Signal, das ihn während Deiner Abwesenheit erinnert, dass Du wiederkommst und er das schon kann.
  • Rituale, mit denen Du vor dem Weggehen zuverlässig seine Bedürfnisse erfüllen kannst.

   

Wie gewöhne ich meinen Hund ans Alleinbleiben?

Ein gutes Üben des Alleinseins beginnt in Deiner Anwesenheit, meistens sogar im selben Raum. Idealerweise baust Du auf die Elemente auf, die schon gut funktionieren, z. B. wenn Du kochst oder duschst.

Im nächsten Schritt übst Du mit Deinem Hund das Erfüllen seiner sozialen Bedürfnisse und das Beenden der Interaktion.

Erst danach geht es ans Üben des „Verlassens“. Doch auch hierbei bist Du physisch noch anwesend, nur nicht mehr verfügbar. Allerdings wird der Hund nicht einfach ignoriert, vielmehr lernt Dein Hund, dass es Zeit ist, sich selber zu beschäftigen. Dieses Ritual wird mit einer schönen Begrüßung aufgehoben.

Ignorieren ist asozial

Es gibt Tipps, bei denen blutet mir mein Herz. Einer davon ist es, den Hund zu ignorieren, wenn man nach Hause kommt.

Wusstest Du, dass Untersuchungen ergeben haben, dass Trennungsstress sich vergleichbar mit körperlichen Schmerzen anfühlt? Dieses Symptom wird besonders schlimm, wenn die Bezugsperson nach ihrer Rückkehr den Hund nicht begrüßt, auch wenn sie schon mit im Raum ist. 

Dass der Tipp dennoch regelmäßig umgesetzt wird, liegt vermutlich an Unwissen über das Lernverhalten unserer Hunde. Denn die Absicht dahinter ist es in der Regel, die Erregung nicht zu verstärken, sondern sich dem Hund erst zu widmen, wenn er ruhig ist. Wir vermenschlichen den Hund damit total, denn wir erwarten Reflexionsfähigkeit und ignorieren den Aspekt der Emotionen.

Den Hund bringen wir damit in eine große Misere, denn diese Form der Zurückweisung tut weh und verursacht Konflikte, Frustration und Angst. Damit steigert sie die Erregung. Der Hund muss also lernen, seine Emotionen und die Erregung zu unterdrücken und nicht mehr zu zeigen. Sind es denn nicht Ehrlichkeit und Authentizität, die wir an unseren Tieren so lieben? Warum sie ihnen dann rauben?

   

Entspannung und Bedürfnisbefriedung

Vor und nach Deiner Abwesenheit sollten soziale Bedürfnisse befriedigt werden. Dazwischen, also während Du weg bist, unterstützt Entspannung und das Befriedigen anderer Bedürfnisse, z. B. ruhen.

Je besser Du alle Bedürfnisse befriedigst, die ausschließlich Du erfüllen kannst, desto leichter wird Deinem Hund in der Zeit alleine die Entspannung fallen. Dazu gehört auch ein schöner Spaziergang, wenn Dein Hund sonst unruhig ist. Stressende Auslastung und Überforderung solltest Du vor dem Alleinsein vermeiden. Dein Hund sollte nicht einfach erschöpft und ausgepowert, sondern glücklich und zufrieden sein.

Es ist wichtig, dass Du nicht nur auf Gewöhnung setzt, sondern Dein Hund wirklich gelassen ist. Ein Ertragen alleine reicht nicht aus, denn im Alter oder bei Stress aus anderen Gründen leiden sie dann doch. 

Wie viel Zeit braucht ein Hund, bis er sich ans Alleinsein gewöhnt?

Wie lange Hunde brauchen, um das Alleinsein zu lernen und dabei gelassen zu sein, ist sehr unterschiedlich. Dein Ziel sollte es sein, dass Dein Hund dabei tatsächlich entspannt ist und sich nicht nur ruhig verhält und nicht bellt.

Ebenso individuell ist die Zeit, die sie alleine sein können. In meinem Artikel „Wie lange kann ein Hund alleine bleiben“ beantworte ich Dir diese Frage sehr ausführlich.

Grundsätzlich würde ich das erste Jahr im Zusammenleben mit einem Hund als das herausforderndste beschreiben und im ersten gemeinsamen Jahr die Weichen für später stellen. Gerade für das Thema Alleinesein braucht es oft Geduld und Spucke. 

Je häufiger Du in der Zeit den Hund alleine lässt, obwohl der dem noch nicht gewachsen ist, desto länger werdet Ihr brauchen, um das Problem zu bewältigen. Ein Hundesitter kann in der Zwischenzeit eine Möglichkeit sein, um die Fähigkeiten Deines Hundes nicht überzustrapazieren. 

Bei einigen Hunden kommt man in den ersten 3-6 Monaten schon auf gute Zeiten von mehreren Stunden, bei anderen dauert es länger. Bei einigen geht es sofort. Blinde Tests würde ich allerdings nicht machen, denn sonst fängst Du Dir schnell echte Trennungsangst ein und der Weg daraus ist lang.

Willst Du das Thema richtig angehen?

Dann habe ich zwei Vorschläge für Dich:

Du weißt bereits jetzt, dass Du es systematisch Schritt für Schritt üben willst? Dann buche Dir einen der betreuten Plätze in unserem Kurs „Alleine bleiben lernen“. Der Kurs richtet sich an Menschen mit Hunden in jedem Alter – sowohl erwachsene Hunde als auch Welpen.  Er enthält zu allen hier genannten Tipps passende Übungen.

Dieser Kurs findet das erste Mal ab dem 12.03. in einer betreuten Gruppe mit begrenzten Plätzen statt.

Du weißt noch nicht so richtig, ob Du überhaupt trainieren musst oder bist noch unsicher, ob unsere Methoden zu Dir und Deinem Hund passen? Dann sieh’ Dir zuerst meinen Onlinevortrag „Alleine bleiben ohne Trennungsstress“ an.

 

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